Die Causa Frauke Brosius-Gersdorf schlägt weiter hohe Wellen. Gestern war es die Rechtsprofessorin selbst, die sich in einer Erklärung zu Wort meldete. „Die Bezeichnung meiner Person als ‚ultralinks‘ oder ‚linksradikal‘ ist diffamierend und realitätsfern“, schrieb sie in einer Stellungnahme, die SZ Dossier vorliegt. „Ordnet man meine wissenschaftlichen Positionen in ihrer Breite politisch zu, zeigt sich ein Bild der demokratischen Mitte“, betonte sie. Was ändern ihre Worte an der Situation?
Vorwurf der Kampagne: Brosius-Gersdorf wirft nach der gescheiterten Richterwahl im Bundestag auch Teilen der Medien vor, ihre Berichterstattung sei „unzutreffend und unvollständig, unsachlich und intransparent“ gewesen. „Sie war nicht sachorientiert, sondern von dem Ziel geleitet, die Wahl zu verhindern“, heißt es in der Stellungnahme. Wie die Juristin am Abend bei Markus Lanz betonte, gehe es hier um einzelne Medien und Journalisten.
Genauer hingeschaut: So sei etwa falsch, dass sie für eine Legalisierung und eine Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs bis zur Geburt sei. Brosius-Gersdorf habe lediglich auf die Tatsache hingewiesen, dass nach aktueller Rechtslage auch ein Abbruch aus medizinischen Gründen – etwa bei Gefahr für Leben und Gesundheit der Frau – unzulässig sei. Sie habe lediglich dafür argumentiert, den ohnehin schon straffreien Schwangerschaftsabbruch in der Frühphase zu legalisieren. Auch andere Positionen seien laut der Juristin unzutreffend wiedergegeben worden.
So oder so: Die Lage ist festgefahren. Nach der ausführlichen Erklärung und dem Talkshow-Auftritt scheint unwahrscheinlich, dass Brosius-Gersdorf ihre Kandidatur zurückzieht. Sie ließ lediglich eine Hintertür offen: Bei Lanz darauf angesprochen, ob ihre Kandidatur dem Bundesverfassungsgericht schade, sagte sie, sobald das auch nur drohe, würde sie an ihrer Nominierung nicht festhalten. „Das ist ein Schaden, den kann ich gar nicht verantworten. Ich möchte auch nicht verantwortlich sein für eine Regierungskrise in diesem Land“, fügte sie hinzu. Das seien alles Aspekte, die sie bedenke.
Schon vor ihrem Auftritt reagierten Vertreter der Union patzig. Der CDU-Abgeordnete Johannes Steiniger kommentierte die Lanz-Ankündigung auf X mit den Worten: „Damit hat sie sich wohl dafür entschieden, keine Verfassungsrichterin zu werden.“
Die SPD hält an ihr fest: „Frau Professor Brosius-Gersdorf bestätigt mit ihrer Erklärung genau das, was wir seit Tagen sagen: Die ihr vorgeworfenen Äußerungen waren falsch, verkürzt dargestellt oder unzutreffend“, sagte Fraktionsvize Sonja Eichwede der dpa. Sie rief die Union erneut auf, das Gespräch mit Brosius-Gersdorf zu suchen. Fest steht: Der Talkshow-Auftritt dürfte nicht geholfen haben, Ruhe in die Sache zu bringen – wie von führenden Unionsvertretern gewünscht.
Mehr Respekt: Recht diplomatisch äußerte sich erneut CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann. Ein gemeinsames, mehrheitsfähiges Kandidaten-Paket gelinge nur mit weniger gegenseitigen Vorwürfen und mehr Respekt vor dem Bundesverfassungsgericht, den Kandidaten und der Entscheidung der Abgeordneten, sagte Hoffmann der dpa. Er sagte auch: „Niemand aus der Union und aus den Kirchen hat der Kandidatin unterstellt, linksradikal zu sein.“
Kein Zeitdruck: Unter Zeitdruck steht bei der Union keiner, man strebt eine Wahl frühestens im September an. Auf die neuen Entwicklungen angesprochen, sagte Kanzler Friedrich Merz auf der Zugspitze, dazu habe er am Wochenende alles Notwendige gesagt. „Wir sprechen in der Koalition in Ruhe darüber, wie wir das lösen“, schob er hinterher. „Unsere Einschätzung ist die gleiche“, sagte CSU-Chef Markus Söder. Brosius-Gersdorf antwortete bei Lanz auf die Frage, wie es weitergehe, dass sie auch für sie „wirklich nicht einfach“ sei. Es gehe nicht mehr nur um sie, sondern auch darum, was geschehe, wenn sich „solche Kampagnen“ durchsetzen, mit dem Land und mit der Demokratie.