Tiefgang
„Aktuell funktioniert KI-Training noch wie eine Stopfgans“
Lesedauer: 8 Min.
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Rafael Laguna de la Vera ist seit 2019 als Direktor der Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) tätig. Die Einheit sitzt in Leipzig und soll im Auftrag der Bundesregierung disruptive Technologien fördern.
Laguna war zuvor Softwareunternehmer und Investor. Mit 16 gründete er das erste Mal, mit 31 verkaufte er sein erstes Unternehmen in die USA.
Mit SZ Dossier sprach er über Künstliche Intelligenz – und die nötigen Rahmenbedingungen. (Foto: Sprind)
Herr Laguna, welche Rolle spielt KI heute schon in Ihrem Alltag?
Eine immer größere. Man muss dranbleiben und verstehen, was da läuft. Ich habe die Weihnachtszeit deshalb tatsächlich vor allem mit Claude Code verbracht. Das ist für Programmier-Nerds wie mich das Zuhause. Ich habe neben meinem Gamingcomputer einen Nvidia Spark, den ich mir privat besorgt habe, als KI-Rechner in Betrieb genommen.
Nehmen Sie uns mit.
Claude Code zeigt, dass wir mittlerweile sehr gut in die Systementwicklung durch KI einsteigen können, auch wenn man die Kontext-Speicher-Grenzen des Modells überschreitet, quasi die Erinnerung an das bisher Getane. Ich kann dem Modell sagen: Schreib schlank runter, was wir gemacht haben.
Dann kommt eine Art readme-Datei heraus, in der beschrieben wird, was alles gemacht wurde, was funktioniert und was nicht, wo man rechts und wo links abgebogen ist. Das kann man dann anderen schicken, die stopfen das in Claude rein – und können komplett replizieren, was man selbst gemacht hat.
Sie haben also keinen Powerprompt für uns.
Nein, die Prompts werden zunehmend durch die KI selbst gemacht. Da entsteht eine Art Metasprache.
Die meisten Menschen nutzen KI derzeit als persönlichen Ratgeber. In der Wirtschaft bringen die Modelle noch keine echten Effizienzgewinne, kritisierte Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoğlu kürzlich. Woran liegt das?
Viele probieren einfach und sind noch überrascht. Das ist wie bei Twitter damals. Da haben die Nutzer die Hashtag-Logik selbst entwickelt, um eine Art Indexierung zu schaffen. Das hatten die Gründer so gar nicht vorhergesehen. Wenn ich eine Führungskraft in der Industrie bin, muss ich mich deshalb hinsetzen und KI nutzen. Einfach auch, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was die Dinger können und was nicht.
Sie waren Softwareunternehmer. Wie würde Ihre Gründung heute aussehen?
KI ist wie ein Ironman-Anzug. Ich würde alles komplett allein machen und einen sehr guten Systemarchitekten anstellen, wenn ich mich vergrößern will. Der soll Systeme von A bis Z verstehen und der KI erklären, was sie machen muss, damit wir eine vernünftige Architektur bauen. Das wäre es. Man baut Firmen heute ganz anders.
Wenn man schon eine hat, muss man das rückwärts denken. Jeder sollte sich fragen, was er machen würde, wenn sie nochmal von vorne startet – und dann entsprechend seine Firma umbauen.
Was bedeutet das für den Arbeitsmarkt?
Software wird billiger. Dadurch können sie sich mehr Leute leisten, wodurch die Nachfrage hochgeht. Ich glaube nicht, dass es weniger Jobs geben wird, aber sie werden anders sein und die Produktivität springt nach oben. Jobs wie Projektmanager, Übersetzer oder Berater ändern sich gerade dramatisch. Die Leute, die das schnell kapieren, werden schnell einen Nutzen daraus ziehen.
Es läuft also ein Wettlauf um Antizipation? Sowohl in den Unternehmen als auch bei den Arbeitnehmern.
Exakt. Das war beim Internet, dem World Wide Web, genauso. Da hieß es: Wir haben jetzt Zugriff auf das Weltwissen und müssen nicht mehr in die Bibliothek laufen. Dass daraus Social Media und E-Commerce entsteht, war so nicht vorhersehbar. Vor so einer Epoche stehen wir jetzt auch.
Welche Rolle spielt KI in der Sprind?
Bei fast all unseren Challenges steht KI im Zentrum, auch wenn das nicht immer sichtbar ist: Im Materialbereich, bei Medizin oder auch der Verwaltung. Wir arbeiten gerade auch daran, wie wir KI lokal auf Drohnen bringen. Das sind kleine, akkubetriebene Geräte. Ein großes Rechenzentrum kann da nicht mitfliegen. Zudem haben wir unsere „Next Frontier AI“-Initiative gestartet.
Was wollen Sie mit der Initiative erreichen?
Im Grunde stehen wir bei KI technisch noch am Anfang. Der Stromverbrauch ist extrem hoch und das Lernen aufwändig. Wir müssen dorthin kommen, dass die Modelle kontinuierlich lernen und sich weiterentwickeln. Aktuell funktioniert das Training noch wie eine Stopfgans. Noch brauchen wir Millionen von Katzenbildern, um einer KI zu zeigen, wie eine Katze aussieht. Das funktioniert vielleicht auch mit nur zwei Bildern. Solche Ansätze wollen wir mit der Initiative finden.
Eine Jury hat gerade vier Konzepte für ein Vorprogramm, einen „Funken“ im Sprind-Sprech, ausgewählt. Wie geht es weiter?
Die eigentliche Challenge startet im Juni. Es geht darum, neue Algorithmen, neue Datenmodelle und neue Anwendungsbereiche zu finden – jenseits der bestehenden Architekturen. Wer den Stromverbrauch runterfährt und neue Trainingsansätze entwickelt, interessiert uns. Wir wollen mindestens drei Frontier-AI-Labs in Europa auf die Welt bringen. Für die Challenge gibt es 125 Millionen Euro. Den Siegerteams sollen am Ende bis zu einer Milliarde Euro öffentliches und privates Kapital zur Verfügung stehen, um ein Lab aufzubauen.
Wie ist die Initiative in die gesamteuropäischen Aktivitäten eingebettet?
Unsere Challenges laufen grundsätzlich immer europaweit. Hier haben wir auch UK, die Schweiz und Israel mitreingenommen. Es geht darum, dass wir kraftvolle Alternativen zu den Modellen der Amerikaner und Chinesen aufbauen. Da reichen Mistral und Black Forrest Labs nicht, die zudem auch in den klassischen Modellen unterwegs sind. Wir brauchen mehr Unternehmen und mehr Diversität.
Sollte man dahin kommen, dass so Initiativen gar nicht mehr nationalstaatlich angeschoben werden, sondern durch eine europäische Agentur?
Ich finde die lokalen Projekte gut. Die verschiedenen Agenturen haben unterschiedliche Schwerpunkte und Instrumente. Für Start-ups ist es zum Beispiel gut, die können an verschiedenen Stellen Geld einsammeln.
Also besser ein Ökosystem aus verschiedenen Akteuren als eine starke „europäische Sprind“?
Ja. Aber: Wir brauchen trotzdem eine europäische Sprind. Dabei geht es um zwei Dinge. Erstens die lokalen Agenturen unterstützen – als eine Art fund of fund. Wenn national eine Summe X bereitgestellt wird, kann diese Agentur etwas oben drauf legen. Dann kommt Druck auf die Länder und wird es attraktiver, etwas zu tun. Zweitens sollte diese Stelle koordinieren. Bei großen Themen müssen sich alle Innovationseinheiten zusammentun.
Wie würde das aussehen?
Nehmen wir den Bereich Chips. Das braucht wahnsinnig viel Geld und muss mit laufenden Initiativen resonieren. Wir könnten 500 Millionen Euro für neue Chipdesigns bereitstellen, die über Challenges in den einzelnen Agenturen gesucht werden. Die Teams könnten Zugang zu den Fabs bekommen, die in Europa gebaut werden. Am Ende sollten die Chips in den KI-Gigafabriken eingesetzt werden, die ebenfalls gebaut werden. Gleichzeitig könnte der Chips Act umgesteuert werden. Das wäre eine strategische Umsetzung wie in China. Das brauchen wir.
Die Sprind hat vergangenes Jahr ein Papier vorgelegt, das auf den militärischen Bereich abzielt. Das kam bei den dortigen Innovationseinheiten, dem Cyber Innovation Hub und der Cyberagentur, nicht gut an. Was ist der Stand?
Wir haben das große Glück, dass die Hightech-Agenda des Forschungsministeriums explizit festhält, dass die Sprind mit Geldern aus dem Ressort auch militärische Themen umsetzen kann. Wir sind komplett handlungsfähig und machen bereits Projekte im Dual-Use-Bereich – zum Beispiel bei Hyperschallflugkörpern oder Lasern.
Diese ganze öffentlich geführte Diskussion mit den anderen Akteuren ist unglücklich, ich will das gar nicht kommentieren. Wir sind jedenfalls in laufenden Gesprächen mit dem Verteidigungsministerium, wie wir uns in das Ökosystem einfügen können.
Worum geht es da?
Die Bundeswehr hat Innovationsstandorte in Erding und Eckernförde. Die sollen wir mitnutzen dürfen, sobald sie ertüchtigt sind. Das soll noch in diesem Jahr passieren. Wir haben auch schon die ersten Projekte aus der Cyberagentur in die Gründung gebracht und finanziert. Da wachsen die ersten Pflänzchen der Zusammenarbeit. Es ist wichtig, dass wir die finanziellen Aufwüchse in den Verteidigungsbudgets dafür verwenden, Innovationen zu fördern. Dafür steht die Sprind gern bereit.
